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Starke Frauen für den Tierschutz – Karmele

Karmele – Direktorin von Yayasan IAR Indonesia

Werdegang:

Tierärztin für Primaten

Die aus Bilbao stammende Karmele Llano Sanchez studierte in Spanien und Australien Tiermedizin. Sie wusste schon während der Uni, dass “normale“ Tierarztarbeit, mit Haustieren und deren Besitzern nichts für sie ist und konzentrierte sich stattdessen auf Wildtiermedizin. In Primaten verliebte sie sich, während eines Volontariats in einer Wildtierauffangstation in Venezuela. Nach dem Studium arbeitete sie darum in dem niederländischen Primatenzentrum AAP.

Der Start in Indonesien

2003 reiste sie zum ersten mal nach Indonesien, um dort in verschiedenen Wildtierauffangstationen mitzuhelfen. Dabei freundete sie sich mit der niederländischen Tierschutzaktivistin und Tierarzthelferin Femke den Haas an. Beiden missfiel die Situation der vielen vernachlässigten und missbrauchten Makaken.

Makaken in Gefangenschaft

Sie werden auf brutalste Art und Weise trainiert, um auf der Straße ihre Kunststücke aufzuführen. An Halsbändern werden sie knapp über dem Boden aufgehängt, sodass sie lernen auf Zehenspitzen zu stehen, um als Tanzaffen eine gute Figur zu machen. Das ist nur ein Beispiel. Ein Bild welches sich in mein Gehirn gebrannt hat, als ich eine Dokumentation von JAAN angesehen habe. Dieses Bild von menschlicher Grausamkeit ist immer abrufbar vor meinem inneren Auge und treibt mir die Tränen in die Augen und die Schamesröte ins Gesicht.

Yayasan IAR center auf Jawa

Umso dankbarer und lobenswerter finde ich den Einsatz dieser beiden jungen Frauen. Sie erkannten, dass es eine Auffangstation geben muss, in der nicht mehr erwünschte (weil untalentiert, traumatisiert, aggressiv gewordene,…) Makaken tierschutzgerecht untergebracht werden können. So taten sie sich zusammen und eröffneten 2006 zusammen mit ein paar engagierten Indonesiern eine Auffangstation in der Nähe von Bogor.

Die zwei Chefinnen hatten es am Anfang nicht einfach. In dem muslimischen Indonesien, wo Tierschutz und Feminismus noch Fremdwörter waren (sind?), kämpften die beiden nicht nur täglich um ihre tierischen Schützlinge, sondern auch mit ihren menschlichen, meist männlichen Mitarbeitern. Der Respekt, das Vertrauen und die Unterstützung, welche die beide Frauen jetzt in ihren jeweiligen Tierschutzeinrichtungen erfahren, mussten hart verdient werden. Auch gab es natürlich, trotz individuellem Fundraising, finanzielle Probleme.

Ich durfte für 3 Monate IAR Teammitglied sein und mit Rat und Tat unterstützen

Bis durch die Unterstützung der britischen Organisation Interntional Animal Rescue die Zukunft des Centers gesichert war und es sogar ausgebaut werden konnte.

Getrennte Wege zu einem Ziel

Da für die Aktivistin Femke mit dem Aufbau und der sicheren Zukunft der Auffangstation ihr Ziel hier erreicht war, gründete sie ihre eigenen ngo JAAN. Mit deren Hilfe kann sie aktiver und tatkräftiger, vielleicht auch aggressiver gegen die Verwendung von Tanzaffen und gegen weitere Tierschutzprobleme kämpfen, als das bei einer internationalen Organisation möglich gewesen wäre.

Großzügige Plumplorigehege

Karmele indes plante den Bau einer veterinärmedizinischen Einheit auf dem Gelände, den Ausbau der Käfige zu naturnahen Gehegen und den Bau einer Station, für all die konfiszierten illegal gehaltenen Plumploris.

Yayasan IAR Center auf Borneo

Karmele geht nach Borneo, um ein center für Orang-Utans zu eröffnen

Zusammen mit ihrem indonesischen Ehemann zog sie 2009 nach Borneo, um eine Auffangstation für Orang-Utans aus- und aufzubauen. Seither ist sie die Chefin von beiden indonesischen IAR Zentren und reist jeden Monat von Borneo nach Bogor, um auch hier vor Ort mit ihren Mitarbeitern Strategien, Projekte, Probleme und Pläne zu besprechen.

Meine Bekanntschaft mit Karmele

Während dieser Besuche durfte ich Karmele ganz persönlich beim Lunch und während lustiger Abende; offizieller bei Meetings und während meines Interviews kennen lernen.
Karmele ist während der Arbeit meist am Computer und nie ohne Walky-talky, oder Smartphone zu sehen.
Auf die Frage, ob sie als Supervisorin und Direktorin der zwei Zentren, nicht die tiermedizinische Arbeit vermisst, antwortete sie, dass sie dank ihrer jetzigen Stellung nicht mehr nur auf Basis von Individuen arbeitet, sondern auf globaler Ebene und damit mehr erreichen kann. Das ist natürlich richtig, dennoch lässt sie es sich nicht nehmen, einem Orang-Utan Baby die Windel zu wechseln, wenn sie gerade in der Klinik ist und ein Durchfall den Weg ins Freie sucht.

Karmele wickelt einen durchfallgeplagten Orang-Utan

Ihr Ziel und der Weg dahin

Ihre global ausgerichtete Arbeit hat zum Ziel, durch Schutz der Lebensräume und Aufklärung der Menschen, irgendwann keine Auffangstation mehr zu benötigen. Dieses Ziel ist noch in weiter Ferne und wird, solange es Menschen gibt, wahrscheinlich auch nicht erreicht werden können. Aber ihre Arbeit hat zahlreichen Tieren wieder zu einem Leben in Freiheit, oder, falls das nicht möglich ist, zu einem einigermaßen natürlichem und würdigem Leben in den Stationen verholfen. Neben der direkten Hilfe am Tier, hinterlassen die Schulungs- und Aufklärungsprojekte ihre Spuren. Karmele kann über die Jahre hinweg, eine Verbesserung im Verhalten der Einheimischen gegenüber den Wildtieren feststellen. Auch durch Zusammenarbeit mit der Regierung wird auf politischer Ebene versucht wichtige Entscheidungen zu beeinflussen. Wobei sie mir anvertraut hat, dass sie Gespräche mit Vertretern der Regierung meist meidet und an ihrer statt diplomatisch geschicktere Mitarbeiter dorthin gehen. Und wer, wenn nicht ich Hitzkopf, kann das besser verstehen… Emotionen, vor allem Ärger, kann schwer unterdrückt werden, ist aber leider nicht immer hilfreich. Dennoch braucht es dieses temperamentvolles Brodeln in einem, um für etwas zu kämpfen. Und Karmele trägt diesen Kessel in sich. Vielleicht nicht immer offen und für jeden sichtbar, aber das Brodeln ist da und lässt sie täglich, ja eigentlich 24 h, für “ihre Sache“ kämpfen.
Die strikte Beständigkeit ihrer Tierschutzbemühungen, wurde kürzlich erst durch die Auszeichnung mit dem Carol Noon Award honoriert. Diese Auszeichnung für beispielhafte Auffangstationen wird jährlich von Global Federation of Animal Sanctuaries verliehen.

Zusammen ist man stärker

Die starke Schulter, bietet ihr bei all dem ihr Ehemann, mit dem sie seit 10 Jahren verheiratet ist. Sie kämpfen gemeinsam für das Überleben der Orang-Utans auf Borneo. Und ich kann mir vorstellen, dass seine unbekümmerte/zuversichtliche Energiegeladenheit (diesen Eindruck machte er auf mich während unserer kurzen Begegnungen) der Akku in schweren Zeiten für sie ist.

Zuhause muss man nicht akzeptieren

So gerne sie sich für die Primaten Indonesiens einsetzt, weiß Karmele dennoch, dass sie in Indonesien nicht alt werden will. Wenn die Zeit reif ist, will sie wieder zurück nach Spanien. Ihr ist aber durch ihre Urlaubsaufenthalte dort bei der Familie auch bewusst, dass sie sich mittlerweile wie eine Fremde in ihrer Heimat fühlt. Zu sehr hat sie sich schon an das indonesische Leben adaptiert. An Klima, Land, Leute und natürlich Sprache ist sie schon gewohnt, aber der unterschiedliche Bildungsstand der Einheimischen bereitet ihr immer noch Mühe. Dennoch kann sie Missstände, wie zB den allgegenwärtigen Müll besser hinnehmen, als im Heimatland. Man lernt zu akzeptieren, in einem Land in dem man immer eine “Bule“ (Fremde) sein wird. Zuhause muss man das nicht. Darum regen sie mehr Dinge in Spanien auf, als in Indonesien.

Der starke Wille

Durch meine bisherigen, im Vergleich kurzen und harmlosen, aber für mich dennoch emotional anstrengenden Erlebnisse, wollte ich von ihr wissen, ob sie manchmal ans Aufgeben gedacht hat.
Ihre Gesicht bekam bei meiner Frage einen harten Ausdruck und ich spürte den Kampfgeist in ihr, der solche Gedanken nicht zulässt. Und tatsächlich: trotz manch hoffnungsloser Gefühle, kam aufgeben für sie nie in Frage. Denn laut Karmele, kann man nur etwas verändern, wenn man etwas tut. Für sie gibt es zu viel zu verlieren, auf dieser Welt mit so einzigartiger Natur und so faszinierenden Tieren.

  Für diese Unnachgiebigkeit und diesen Kampfgeist beide Daumen hoch