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Ich stelle mir vor, ich wäre ein Vogel…

Hilflos und hässlich geboren, mit krächzender Stimme rufend, nach den liebevollen Eltern, die mich emsig aufziehen und mich vorbereiten, auf ein freies Leben außerhalb des schützenden Nests. Wunderschöne Federn wachsen aus meiner nackten Haut, bilden meine Ärmchen zu Flügeln aus. Flügel, mit denen ich die Welt im Fluge erobern werde, mit denen ich mich aufmache, die Umgebung zu erkunden. Erst zaghaft und neugierig von Ast zu Ast flatternd. Dann immer mutiger und stärker werdend, wage ich mich aus dem vertrauten Schatten meines Heimatbaumes, segle hinunter und schwinge mich schließlich in die offene Luft. Stolz meine Freude heraus singend, probiere ich all die Manöver, die mir mein federbestückter Körper ermöglicht, um Nachts erschöpft und glücklich auf einem sicheren Ast meiner Wahl einzuschlafen, vom nächsten Tag träumend.

Und eines Tages beginnt mein Traum; mein Alptraum…

Mein schwungvoller, lebensfroher Gleitflug zwischen den grünen Bäumen hindurch, wird jäh gebremst. Meine Flügel bleiben kleben, an einem unsichtbaren Netz. Unmöglich mich aus der reißfesten Fesselung des Nylons zu befreien. Riesengrosse Finger greifen nach meinem zappelnden Körper. Kurz hoffe ich, nach meiner Befreiung in die schaukelnde, schützende Baumkrone über mir fliehen zu können. Aber es umschließt mich nicht ihr funkelnder Schatten, sondern undurchdringliche Gitterwände, in denen ich schutzlos allen unbekannten Geräuschen, hektischen Bewegungen, dem gleißenden Sonnenlicht, der Willkür der Menschen und der beängstigenden Enge des Käfigs ausgesetzt bin. Meine Tage sind voller Stress, meine Nächte voll innerer Unruhe. Manchmal bleiben Menschen stehen und lauschen mit bewunderndem Blick meinem Klagelied, ohne zu verstehen, dass ich mich nach dem Schutz der Freiheit sehne und verzweifelt rufe, nach einer anderen Vogelseele, die meine quälende Einsamkeit schmälert. Aber nichts… Niemand antwortet, ich bin alleine und weiß nicht, wie lange mein eingesperrter Körper mich noch auf dieser monotonen Stange halten kann. Ich kann es kaum erwarten, bis meine Seele endlich aus diesem grässlichen Käfig fliehen und wieder fliegen kann.
Ach wäre ich doch für immer nackt, stumm und hässlich geblieben! Was ich einst als Geschenk der Natur erachtet habe: mein prachtvolles Federkleid und meine vieltönige Stimme, ist mein Fluch, seit sich die Menschen zu den Herrschern aller Lebewesen erkoren haben.

Ich bin froh, nicht dieser Vogel zu sein, ich schäme mich ein Mensch zu sein.