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Anna, der kleine kampung anjing (Dorfhund) aus Indonesien

Welche Geschichte steckt hinter dem Hündchen Anna? Warum werde ich ausgerechnet diesen Hund mit nach Hause nehmen? Wie hat sie mein Herz erobert? Und was wird für den Transport eines Hundes aus Indonesien nach Deutschland benötigt?

Der erste Blick

Begonnen hat alles mit einem skeptisch-ängstlichem Blick aus Welpenaugen. Etwa 2 Wochen nach Beginn meines 3-monatigen Volontäraufenthalts im International Animal Rescue Center auf Jawa, verließ ich wieder einmal das Gelände des Gästehauses, in dem ich wohnte, um mich auf den Weg durch das Dorf zum Zentrum mit tiermedizinischer Station zu machen. Wie gewohnt bellten mich die Dorfhunde an, bzw. verfolgten meine Schritte argwöhnisch. Da bemerkte ich eine kleine Welpe mit kurzem rotem Haar, die ich vorher noch nie gesehen hatte, und die sich in eine Türnische drückte. Wie bei dem Anblick von Welpen üblich, kamen nicht zu bremsende Lockrufe aus meinem Mund. Allerdings wurde mir weder mit einer kleine Bewegung des kurzen Schwanzes, geschweige denn mit einet überschwänglichen Begrüßung geantwortet. Einzig ein skeptisch-ängstlicher Blick wurde mir zugeworfen. „Na gut“ dachte ich mir im Weitergehen. „Besser Hierzulande hat ein Hund Angst vor den Menschen und flieht vor ihnen. Allzu leicht werden sie sonst Opfer der Hundefänger, die sie auf dem Fleischmarkt verkaufen.“ Um den Welpen nicht an mich zu gewöhnen und keine Beziehung aufzubauen, beachtete ich den kleinen Babyhund nicht mehr. Außerdem schien er gesund und nicht direkt hilfsbedürftig.

Glück im Unglück

Ein paar Tage später allerdings, wurden wir Gästehausbewohner um 6 Uhr morgens von schrillem Tiergeschrei geweckt. Es klang, wie als hätten die Hunde, die zu der Zeit auf dem Gelände wohnten eine Katze erwischt und würden sie gerade in Fetzen reißen. Wir schossen zu der Bande, die sich um einen Pavillon postiert hatte. Speziell rannten wir zu einer Hündin, die gerade ein Fellknäul im Maul hatte und dieses ordentlich beutelte. Durch unser Geschimpfe ließ die Hündin von ihrem Opfer ab, welches sich zähnefletschend und außer sich vor Todesangst an eine Mauer drückte. Wir konnten die sich wild verteidigende Welpe, es war die, die ich im Dorf gesichtet hatte, nicht mit bloßen Händen ergreifen. Also wickelten wir sie, in ein eilig herbei geschafftes, dickes Handtuch und packten sie in einen Karton. Ich nahm die Kiste dann mit auf die Arbeit, wo wir ohne großes Handling, dem Tier eine Spritze in den Oberschenkelmuskel gaben, damit wir es in Narkose ordentlich untersuchen konnten. Nach der klinischen und röntgenologischen Untersuchung konnten wir Gott sei Dank feststellen, dass es sich nur um Hautperforationen handelte und keine knöchernen, oder inneren Verletzungen vorhanden waren. Welpen haben viel Haut, was dem kleinen Baby in diesem Fall das Leben rettete. Und natürlich der glückliche Umstand, dass wir uns noch im Gästehaus befanden, als sie ihren Weg durch den Zaun auf das Gelände fand.

Dieser Blutegel saß in Annas Nase (auf den Videos zu sehen). Er ließ irgendwann von selber los, ein herausziehen war nicht möglich!

Neben der Wundreinigung, der Injektion von Schmerzmittel und Antibiotikum, nutzten wir die Gelegenheit das Signalement aufzunehmen. Weiblich, vollständiges Welpengebiss, noch nicht im Zahnwechsel und somit ca. 8 Wochen alt.

Die erste Annäherung

Da ich ja wusste, das sie sehr scheu gegenüber Menschen ist, aber auch klar war, dass sie, aufgrund der weiteren Antibiotikagabe und Wundversorgung stationär aufgenommen werden und behandelt werden muss, ließ ich sie auf meinem Schoss, unter andauerndem Streicheln aus der Narkose erwachen. Je mehr sie zu sich kam, desto mehr merkte man, dass sie dieses neue Gefühl, berührt zu werden, noch nicht richtig genießen konnte, auch wenn sie es ruhig über sich ergehen ließ. Das indonesische Tierärzteteam überließ mir die Ehre, unserem kleinen Neuzugang einen Namen zu geben. Es sollte ein deutscher, aber für sie leicht auszusprechender Name sein. Mir fiel als erstes Anna ein, und so hieß sie also Anna. Da eine Unterbringung von Hunden in den Kliniksräume des Schutzzentrums für Affen und Plumploris, nicht vorgesehen war, richtete ich Anna einen Katzenkäfig her, den ich sowohl mit Handtüchern ausstaffierte, als auch zudeckte. So konnte sie sich in ihrer Höhle verkriechen. In den nächsten Tagen verbrachte ich meine Freizeit damit, Anna an Menschen, aber auch an Menschliches zu gewöhnen.

Kontakt mit der zivilisierten Welt

Beispielsweise hatte sie Angst vor der Aluminiumschale, in der ich ihr Futter anbot. Wie sie dieses Problem löste, flashte mich und machte mich gleichzeitig traurig. Denn dass ein kleines Babywesen schon so selbständig Probleme lösen muss, um überleben zu können, ist irgendwie gemein…und so versprach ich ihr, auf sie aufzupassen und mich um sie zu kümmern. Nach zwei Tagen beglückte mich das erste Schwanzwedeln, welches mir ihre Wiedersehensfreude zeigte. Jeden Tag wurde sie zutraulicher und erkundete das Zimmer, in dem der Käfig stand und begann Freude an meiner Stimme zu haben. Da in der Klinik zwei ältere, nicht sicher sozialkompatible Hunde lebten, durfte sie erstmal noch nicht im ganzen Gebäude herum laufen. Schnell aber stellte ich fest, dass ich sie für ihr tägliches Geschäft rauslassen musste. Ihr war es sichtlich unangenehm in ihren Käfig, oder das Zimmer zu Kacken oder Pinkeln. Sie deckte ihr Geschäft akribisch mit einem Handtuch zu. Glücklicherweise fand ich ein kleines Geschirr und einen Gurt, mit dem ich sie auf die Wiese führen konnte.

Annas Zukunft

Während ihre Genesung wurde natürlich ihre Zukunft diskutiert: wieder auf die Straße entlassen, oder ein Zuhause finden. Leider erklärte sich kein Mitarbeiter von IAR, oder Dorfbewohner bereit, Anna zu adoptieren. Die Vorstellung, sie wieder auf der Straße sich selber zu überlassen, widerstrebte mir und ging auch nicht mit meinem Versprechen ihr gegenüber Komfort. Dort würde sie sich wieder ihre Happen stehlen müssen, dort würde sie irgendwann eigene Welpen haben, für deren Überleben sie sorgen müsste und dort würde sie wahrscheinlich früher oder später den Hundefängern ins Netz gehen und auf dem Fleischmarkt einen brutalen Tod sterben. Diese Option war also nicht als solche zu bezeichnen. Aber in dem Zimmer konnte sie auch nicht eingesperrt bleiben. Sie hatte zwar mittlerweile einen Katzenpatienten als Freund, doch strebte dieses aufgeweckte, immer selbstsicherer werdende Hundekind danach, die Welt außerhalb des Zimmers zu erobern.

Lana, Kukang und andere Hunde

Anna mit Freundin Lola
Anna mit Freund, der leider gestohlen wurde und vermutlich auf dem Hundefleischmarkt gelandet ist

Und so durfte sie unter meiner Aufsicht, Bekanntschaft mit Lana und Kukang, den zwei Klinikshunden machen. Ihre Unterwürfigkeit, half ihr im Umgang mit diesen zwei, anfänglich grantigen Gesellen. Doch schon bald, lockte sie Kukang aus der Reserve und schaffte es, dass er mit ihr spielte. Auch Lana wollte gerne spielen, aber ihre immer wieder auftretenden Ausraster und Angriffe, verunsicherten Anna, sodass wildes ungehemmtes Spielen mit ihr nicht möglich war. Dennoch war ich unglaublich erleichtert, Anna nun tagsüber auf dem gesamten Gelände herumlaufen lassen zu können. Auch unsere Spaziergänge nach Feierabend und am Wochenende wurden immer ausgedehnter und aufregender. Das erste Aufeinandertreffen mit anderen Hunden, war zwar immer noch schwierig, weil sie Schiss vor ihnen hatte, aber je öfter sie die Hunde sah, desto mehr spielte sie mit ihnen. So fand sie einige beste Freunde. Eine davon Lola, der Hund meiner indischen Freundin und Mitbewohnerin Nam, mit denen wir häufig spazieren gingen und mit der Anna wild spielte. Ein anderer, war der hübsche Kerl von der Ecke, den ich Grinsehund getauft hatte, weil er mir immer mit Sicherheitsabstand hinterher lief und mich angrinste. Als ich jetzt im Februar wieder dort war, erzählte mir Nam, dass der Grinsehund von den Hundefängern geholt worden war (auch sie gebrauchte den Namen Grinsehund). Diese schreckliche Nachricht und die Vorstellung, was aus Annas Freund geworden ist, verfolgen meine Gedanken und machen mich immer glücklicher, meine Anna bald aus diesem Land und in Sicherheit zu wissen.

Wie kam es zu der Entscheidung Anna zu adoptieren?

Nach Wochen der gemeinsamen Lehr-, Spiel- und Schmusestunden, hatte sich zwischen uns beiden ein ziemlich festes Band gewoben. Ich hatte den kleinen, klugen, aufgeweckten Hund so sehr in mein Herz geschlossen, sodass mir ihr Verbleib nicht mehr aus dem Kopf ging und ich immer mehr mit dem Gedanken spielte, sie zu adoptieren. Es ergab sich die Situation, dass eine deutsche Kollegin der Tierschutzorganisation, ihre Stelle dort aufgab, um nach Deutschland zu ziehen. Sie wollte ihre zwei Hündinnen aus dem Gästehaus mit nehmen und organisierte darum deren Export. Dies hatte nicht nur zum Vorteil, dass ich mitbekam, welches Prozedere hinter der Ausfuhr aus Indonesien und Einfuhr nach Deutschland liegt, sondern auch, dass Platz im Gästehaus frei wurde. Die Hündin, die Anna gebissen hatte, war nicht mehr da. Übrig blieben zwei kastrierte, liebe Rüden (Bruno und Brown) und eine grantige alte Hündin namens Koplok.

Anna mit Bruno

Annas Umzug ins Gästehaus

Da sich immer noch keiner bereit erklärte, Anna zu adoptieren, machten Nam und ich uns daran, sie umzusiedeln. Die ersten Annäherungsversuche an das Gästehaus, brachten in Anna das traumatische Erlebnis erneut hervor, sodass sie auf meinem Arm anfing erbärmlich zu schreien, sobald ich sie auf das Gelände trug. Immer häufiger versuchte ich ihr die Angst zu nehmen, bis ich ihr schließlich, im Beisein von ihrer Freundin Lola, die auf dem Gelände so gut wie zu Hause war, die Rüden Bruno und Brown vorstellte. Anfänglich versteckte sie sich vor Angst zwischen meinen Beinen und ertrug stocksteif und mit eingezogenem Schwänzlein, die sie neugierig und sanft beschnuppernden Hunde. Die Furcht hielt nicht lange an! Bald schon konnte ich sie tatsächlich komplett im Gästehaus lassen, wo sie mit ihren neuen Onkeln und Spielkameraden das Gelände erkundete und auch die grantige Koplok besuchte. Der umgebende Zaun musste natürlich ihrer schlanken Gestalt wegen abgedichtet werden, aber zu Koplok war immer noch ein Durchkommen. Auch bei dieser alten Dame schaffte sie es, sich einzuschmeicheln und sich neben sie zum Sonnen zu legen, oder sogar zu kleinen Spielen zu bewegen. Jedes Mal, wenn ich von Spaziergängen zurück kam begrüßten sich alle Hunde schwanzwedelnd und aufgeregt.

Abnabeln und doch festhalten

Anfangs schlief sie nachts bei mir im Zimmer, aber schon bald, ließ ich sie nicht mehr rein, damit sie sich nicht zu sehr an mein Dasein gewöhnte. Denn meine Zeit in Indonesien ging dem Ende entgegen. Aber mein Entschluss sie zu adoptieren stand nun fest. Als mein Freund mich in Indonesien besuchte, lernte er die kleine Hexe kennen und war einverstanden, sie und mich in seiner Wohnung aufzunehmen. Ich entschied mich, meine Weltreise in Neuseeland abzubrechen und über Indonesien, mit Anna zusammen nach Europa zurück zu kehren. Davor waren aber noch einige Vorbereitungen zu treffen, was mich immer wieder zwischen meinen weiteren Tierarztvolontärstationen nach Indonesien reisen ließ. Ich weiß gar nicht, was ich ohne meine Freunde in Jakarta gemacht hätte, die mir nicht nur Rat und Tat, sondern auch eine Herberge anboten. Hier also ein herzliches Danke an Loes, Viktor, Marry, Monique und Karin!!!

Vorbereitungen für Import nach Deutschland

Um einen Hund ohne Quarantäne nach Deutschland importieren zu können, muss er augenscheinlich gesund und nachweislich gegen Tollwut geimpft/geschützt sein. Hierzu ist eine Blutuntersuchung durch ein zertifiziertes Labor nötig. Dazu muss Serum nach Europa oder Australien gesendet werden. Dort wird dann der Antikörpertiter bestimmt und wenn er über einem bestimmten Wert ist (>0,5 IU/ml), darf der Hund, nach einer Wartezeit von 3 Monaten ausreisen. Kurz vor dem Transport muss ein Tierarzt den Gesundheitszustand dokumentieren und ein Zertifikat ausstellen. Zusätzlich bedarf es eines, von der zuständigen Behörde des Herkunftslandes ausgefülltes Formular, über die Identifikation und Besitzerangaben des Hundes. Für den Export aus Indonesien, ist außerdem eine Exportgenehmigung nötig, die natürlich auch wieder Geld kostet. Um all diese Dokumente korrekt und rechtzeitig zu beschaffen, empfiehlt es sich, dies von Fachleuten durchführen zu lassen. So habe ich hier in Indonesien eine Agentur beauftragt, dies alles für mich bzw. Anna zu erledigen. All die Impfungen, das Mikrochip setzen, die Dokumentation in ihrem Pass und die Blutentnahme führte ich mit meinen Kollegen in Indonesien selbst durch und so war sie gut vorbereitet, als es dann konkret wurde.

Mein letzter Besuch bei Anna

Nach monatelanger Abwesenheit besuchte ich Anna erneut jetzt im Februar, um Vorbereitungen zu treffen und den Zeitplan für den Transport einzuhalten. Meine Sorge, sie könnte mich nach all der Zeit vielleicht nicht mehr erkennen, war vollkommen lächerlich. Ihr könnt euch die Freude dieser kleinen Maus nicht vorstellen! Sie konnte lauttechnisch nicht an sich halten und fiepte wie verrückt, während ihr kurzer Schwanz für den Ausdruck ihrer Freude nicht ausreichte, sodass sie mit ihrem ganzen Körper wedelte. Außerdem hüpfte sie mir leckend ins Gesicht und es war völlig unmöglich, sie davon abzuhalten, bis sie sich auf den Rücken schmiss und ich ihren Bauch ausgiebig kraulen musste. Dabei ließ sie mich nicht aus den Augen und schenkte mir verliebte Blicke… Ach….
Während meiner Abwesenheit wurde sie im Alter von einem dreiviertel Jahr im Dezember läufig, was auch in meinem Interesse lag. Ich wollte sie erst kastrieren lassen, wenn zumindest einmal die Hormone wirken konnten. Nun aber war es an der Zeit sie unters Messer zu bringen. Gott sei Dank, erklärte sich meine Kollegin und Freundin Wendi von IAR bereit, dies zu erledigen. Ich bereitete die Kleine vor und war bei ihr, als sie einschlief und wieder aufwachte.
Auch bei der Blutentnahme machte sie keinen Mucks und ließ das alles anstandslos über sich ergehen. Ihr Serum wurde nach Deutschland, lustigerweise an das virologische Labor meiner Universität in Gießen geschickt. Eine dort arbeitende und meinen Tripforanimals verfolgende Studienkollegin und Freundin, kontaktierte mich und teilte mir den Eingang der Probe mit. Per Email erfuhr ich ein paar Tage später das Ergebnis über eine ausreichende Schutzwirkung!!! Den Jubel, in den ich ausbrach, verstand Anna nicht so richtig, auch wenn ich ihr erklärte, dass diese genommene Hürde (die wohl Wichtigste) bedeutet, dass sie mit mir ihr Leben verbringen darf!

Erneutes Goodbye, schon zum 4. Mal…

Nun musste ich sie aber ein weiteres Mal zurück lassen, um die Wartezeit von 3 Monaten noch mit Reisen zu verbringen. Im Juni werde ich wieder kommen und dann kommt sie mit! Aber ich weiß, dass es ihr dort, wo sie gerade ist, gut geht. Sie hat ihre Freunde auf dem Gelände, spielt gerne mit Bruno und freut sich über rare Streicheleinheiten, wann immer mal ein Indonesier da ist, der keine Angst vor Hunden hat. Gott sei Dank wohnen drei Mitarbeiter auf dem Gelände, die den Hunden ihre Aufmerksamkeit schenken. Zwar geht keiner mit ihr spazieren, aber sie hat ein großes Gelände als Auslauf und kann dort nach Herzenslust buddeln, Ratten jagen und in der Sonne liegen. Und wir holen all die verpassten Streicheleinheiten und Spaziergänge einfach nach!

Was steht jetzt noch an?

Jetzt muss ein Ticket nach Amsterdam für mich und Anna gebucht werden. Dazu müssen mein Freund und ich einen Termin finden, an dem er uns in Amsterdam abholen kann. Unser primäres Wunschdatum, ist aufgrund der, zu der Zeit stattfindenden Ramadanferien in Indonesien nicht möglich, sodass wir unsere Ausreise verschieben müssen. Mal sehen, wann ich buchen kann!
Es bleibt also spannend, aber ich werde euch auf dem Laufenden halten!!

Auf gehts!